Der Papst der Enttäuschungen. Warum Franziskus kein Reformer ist – Michael Meier
08.06.2024 |
„Franziskus ist kein Liberaler, sondern ein Radikaler.“ Kardinal Walter Kasper hat diesen Satz immer wieder ausgesprochen. Vor allem als Erwiderung auf die Kritik reformorientierter Katholiken am Papst.
Michael Meier, „Der Papst der Enttäuschungen. Warum Franziskus kein Reformer ist“, Herder Verlag, Freiburg 2024, 176 Seiten, 20 Euro.
Radikal kommt vom lateinischen „radix“, das heißt „Wurzel“. Was Kasper sagen will, ist: Franziskus geht es nicht zuerst um kirchenpolitische Reformen. Er will tiefer bohren, auf den Grund des Glaubens vorstoßen und die Sprengkraft des Evangeliums neu bewusst machen.
Ist er deshalb ein „Papst der Enttäuschungen“, wie es der Schweizer Journalist Michael Meier mit seinem jüngst erschienenen Buch suggeriert? Für Meier steht jedenfalls fest, dass Franziskus falsche Hoffnungen auf reale Reformschritte geweckt hat. Weder habe sich in diesem Pontifikat die kirchliche Sicht auf die Homosexualität geändert noch das Verbot der Weihe von Frauen oder verheirateter Priester. Dazu kämen Fehler in der Missbrauchskrise und in der Beurteilung politischer Themen. Sicher nicht zu Unrecht betont Meier, dass die beharrende Haltung Bergoglios in dessen Person und Denken selbst begründet liegt und nichts mit Widersachern im Vatikan zu tun hat.
Und dennoch: Das Bild, das der Autor von Franziskus zeichnet, ist ein Zerrbild. Das Zerrbild derjenigen, die als entscheidendes Kriterium zur Beurteilung dieses Papstes die Frage heranziehen, ob er den genannten Reformforderungen entspricht oder nicht. Diese Haltung wird Franziskus mitnichten gerecht. Sie lässt die grundlegenden und tatsächlich immer wieder „radikalen“ Aspekte seiner Verkündigung schlicht unter den Tisch fallen. Das ist nicht nur ein Versäumnis, sondern auch eine verpasste Chance.