Vom Seelengrund. Eine Auswahl aus den deutschen Predigten – Meister Eckhart

08.07.2023 |

„Sankt Lukas schreibt im Evangelium, dass unser Herr Jesus Christus in ein kleines Städtchen ging; dort empfing ihn eine Frau, die Martha hieß. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria...“ Mit diesen Worten beginnt die bekannte Predigt von Meister Eckhart über den Besuch Jesu in Bethanien, in der er am Beispiel Marthas eine „Lehre über die Tugenden“ entwickelt. Eine Predigt, die kontrovers diskutiert wurde und eine eigene Wirkungsgeschichte zeitigte.

 
Der Dominikaner Eckhart von Hochheim (etwa 1260-1328), „magister sacrae scripturae“ (Professor der Heiligen Schrift), lehrte wie Albertus Magnus am Studium Generale der Dominikaner in Köln, aber auch zweimal, wie Thomas von Aquin, auf dem theologischen Lehrstuhl in Paris (1303/4 und 1311–1313). In einer Epoche des Übergangs, die von dräuenden Krisen politischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Art geprägt war, entwickelte er eine eigenständige Philosophie und Theologie, die seinerzeit viele faszinierte und seither immer wieder neu entdeckt wird. Eckarts letzte Jahre in Köln waren von einem Inquisitionsprozess überschattet, der gegenüber einem derart renommierten Lehrer der Theologie einzigartig war. Vorwürfe, die schwer wogen, weil Eckhart auch auf Deutsch und vor Laien predigte. Seine Gedanken über Gott und den Menschen werden bis heute weltweit und über die Grenzen der Religionen hinweg diskutiert.
 
„Vom Seelengrund“, herausgegeben und erläutert von Johann Kreuzer, bietet eine Auswahl seiner wichtigsten deutschen Predigten: zum (Neu-) Entdecken eines freien Geistes am Übergang zwischen Hochmittelalter und Früher Neuzeit.
 
Brigitte Böttner 
 
Meister Eckhart, „Vom Seelengrund. Eine Auswahl aus den deutschen Predigten“, herausgegeben und mit einem Nachwort von Johann Kreuzer, Philipp Reclam jun., Verlag reclam 2023, 135 Seiten, 5,60 Euro.