Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche. Es markiert den Beginn einer großen Bewegung, die sich durch begeisterte „Christianer“, wie sie anfänglich genannt wurden, durch den Heiligen Geist befähigt, in die Welt hinein verbreitet hat. Wie aber denkt Jesus von seinen Nachfolgern und was zeichnet seine Jünger aus – bis heute?
„Sei ein lebendger Fisch, schwimme doch gegen den Strom“, heißt es in einem Lied von Manfred Siebald. Darin geht es darum, nicht einfach mit der Masse zu gehen, sondern bewusst eigene Entscheidungen zu treffen und den Unterschied zu machen.
Jesus aus Nazareth berief seine Nachfolger gewissermaßen aus heiterem Himmel auf seinem Weg durch das antike Galiläa, wo sein öffentliches Wirken begann. Dazu gehörten die Fischer Simon Petrus und sein Bruder Andreas, Matthäus, der Zolleinnehmer, sowie Simon, der Zelot, ein Anhänger einer extremistischen Gruppierung. Sie waren Teil der Zwölf, die Jesus symbolisch als seine Schüler aufnahm, um auszudrücken, dass sich seine Botschaft an das gesamte Volk Israel richtete. Eine erstaunliche Auswahl für eine Bewegung, die Jahrhunderte überdauern sollte und in ihrem Ursprung keine religiös gebildete Elite darstellte. Unweigerlich stellt sich die Frage, was die Nachfolger Jesu auszeichnete und wie ihr Meister sie sah.
Eine universale Würde
Welcher Schlag Mensch ist Mitglied des SC Freiburg, hört AC/DC oder engagiert sich für den Tierschutz? Die Anhängerschaft wirft immer auch ein Licht auf denjenigen, dem sie folgt. Wer also nach der Gefolgschaft Jesu fragt, erhält zugleich ein Bild von ihrem Meister. Jesus selbst beantwortet diese Frage in der Bergpredigt. Er ordnet die Jüngerschaft grundlegend ein und verleiht ihr eine Bedeutung, die sowohl für die damaligen Jüngerinnen und Jünger als auch für heutige Christinnen und Christen entscheidend ist.
Dort heißt es im Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde“ (Mt 5,13) und „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Ein verblüffender Anspruch, den keiner der Schüler Jesu aus eigener Kraft erheben könnte – schon gar nicht in dieser Universalität. Die Jünger sind nicht etwa das Salz Galiläas oder das Licht des Römischen Reiches, sondern das der ganzen Erde und der gesamten Welt. Als Selbstaussage würden diese Worte lächerlich wirken. Auch heute reagieren Christinnen und Christen oft mit Verwunderung auf diese Worte – zu Recht. Denn diese Würde kann sich kein Nachfolger selbst zusprechen, weder damals noch heute. Jesus spricht sie allen zu, die sich auf ihn berufen und in seinen Spuren durchs Leben gehen – und zwar mit universalem Anspruch.
Gestreute Nachfolge
Doch noch einmal von vorn: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.“ Salz ist zum Salzen da – aber es wirkt nicht von selbst: Jemand streut es aus. Wo sich die Kristalle niederlassen, entscheiden sie nicht eigenständig, sondern derjenige, der sie verteilt. Übertragen bedeutet das: Christus setzt seine Nachfolger gezielt ein. Er weiß, wo sie ihr volles Potenzial entfalten und den Unterschied in dieser Welt machen können. Doch worin besteht dieser genau?
Weißes Gold
Die Bedeutung von Salz hat bis heute nicht an Gewicht verloren. In der Antike bezeichnete man es sogar als „weißes Gold“. Ohne Salz kein Leben. Noch immer lässt sich an Städtenamen erkennen, wie wichtig dieses Mineral ist. Das germanische Wort „Hall“ weist auf frühere Salinen hin, etwa in Schwäbisch Hall, Bad Reichenhall oder Halle an der Saale. Seit Jahrhunderten würzen Menschen damit ihr Essen, konservieren Lebensmittel und reinigen Verschmutzungen im Haushalt oder auf der Haut.
Für den Geschmack
Salz verleiht Speisen Geschmack und macht sie erst wirklich genießbar. Es „belebt“ ein Gericht und erfreut den Gaumen. Wo es eindringt, verstärkt es das Aroma – Essen bleibt nicht fad oder langweilig. Überträgt man diese Eigenschaft auf die Nachfolger Jesu, wird deutlich: Wo immer sie „hingestreut“ werden, verstärken sie das Gute im Leben, vertreiben Langeweile und Ödnis und machen das Leben bekömmlicher.
Gegen die Fäulnis
Lebensmittel haltbar zu machen, stellte Menschen schon immer vor große Herausforderungen. Salz machte dies möglich: Es bremst Verderbnis- und Fäulnisprozesse. Diese Erfahrung hat das Denken tief geprägt. Verdorbene Speisen lösen Ekel aus und machen die Endlichkeit des Lebens sichtbar – sie zeigen gewissermaßen den Sieg des Todes über das Leben. Gleichzeitig wird deutlich, dass in unserer Welt manches im Argen liegt und regelrecht „faul“ ist. Salz setzt diesen Prozessen eine Grenze und hält die zerstörerischen Kräfte auf. Ebenso wirkt die Nachfolge Jesu: Sie setzt der Zersetzung von Gesellschaft und Menschsein eine Kraft entgegen, die aufhält und bewahrt.
Für die Reinheit
Salz dringt in Dinge ein, reinigt und entfernt Verschmutzungen. Es wirkt aktiv und verändert Zustände. Jesus war überzeugt, dass ihn nicht die Unreinheit seiner Mitmenschen ansteckt, sondern dass seine Reinheit auf sie übergeht. Er bezeichnete sich selbst als Arzt, den die Kranken und Bedürftigen aufsuchen. So lässt sich Nachfolge verstehen: Christen dringen tief in ihre Umgebung ein und entfalten eine reinigende Wirkung. Das Gegenbild dazu wäre Abschottung – das Sich-Verschließen gegenüber der Außenwelt und die Angst vor der Unreinheit anderer.
Gegen die Finsternis
„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch keine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,14–16) Ein Blick in die Nachrichten zeigt schnell: Die Welt ist voller Dunkelheit. Doch nicht nur die Medien berichten davon – auch jedes menschliche Herz kennt seine Schattenseiten. Wenn Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern zuspricht, dass sie das Licht der Welt sind, hat das weitreichende Konsequenzen. Alles Leben auf der Erde hängt davon ab, dass die Sonne täglich die Nacht vertreibt und ihr wärmendes, lebensspendendes Licht schenkt. Die Dunkelheit weicht, ein neuer Tag beginnt. Ebenso verschwinden Bedrückung, Angst und Beklemmung dort, wo Christinnen und Christen ihr Umfeld prägen. Licht deckt außerdem auf, was im Verborgenen liegt. Orte, die zuvor im Dunkeln lagen, werden sichtbar. In Lukas 8,16-17 sagt Jesus: „Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird.“ So bleibt das Böse nicht verborgen, sondern tritt ans Licht.
Im Licht der Liebe
Der Zielpunkt der Nachfolge wird im letzten Vers (Mt 5,16) deutlich: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Paulus bringt es in Galater 2,20 auf den Punkt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Jesus verleiht seinen Nachfolgern die Würde, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, weil er sie dazu befähigt. Sie tragen Christus im Herzen und werden von seinem Licht und seiner Liebe erfüllt. Kein Mensch kann diese Kraft aus sich selbst hervorbringen – sie kommt von dem, der sie sendet. In dieser Überzeugung leben die Nachfolger Jesu nicht allein, sondern in Gemeinschaft. Denn wie ein einzelnes Salzkorn nicht für sich allein würzt, so sind auch Christen dazu berufen, gemeinsam zu wirken: zu würzen, zu bewahren, zu reinigen und Licht zu bringen.